TS Magazin September 1999
"Auch eine so beschauliche Adresse wie die Hintergasse 18 -24 in Neustadt an der Weinstraße kann den energiegeladenen Geist von Cyber City beherbergen. Im idyllischen Hof lebt und arbeitet - vorzugsweise bei harten, reinen Rock-Klängen - der Künstler Wolfgang Glass. Dunkle Engel, die sich gegen den Ansturm der Farben wehren. Sushi Giri oder Catwoman in geheimer Mission unterwegs nach Cyber City - all das passiert in der Welt von Wolfgang Glass, in der unser Zeit- und Raumkontinuum aufgehoben ist. "Dialog von Engelszungen und Teufelsbraten am Acrylrand" hat er die jüngste Ausstellung im Binshof Speyer betitelt. Im Mittelpunkt vieler Bilder: der Stoff, aus dem die klar strukturierten Träume von FantasyRomanen und Comics sind. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Liebe und Haß, Leben und Tod wird bei Glass allerdings vielfach ironisch gebrochen, kommentiert, manchmal sogar karikiert. Starke Heldinnen eilen auf Stöckelschuhen zur Rettung einer von Männern versauten Welt und geraten dabei manch mal auch ins Straucheln. Der Einfluß von Pop-Art und die Liebe zu Comics sind unverkennbarer Hintergrund serieller Elemente in dieser Kunst. In den Comics sind die starken Frauen seit geraumer Zeit auf dem Vormarsch, bei Glass sind sie längst am Ziel angekommen: Weibliche Formen dominieren auf seinen Bildern. Für mich", stellt er fest, sind sie Zeichen der Ästhetik und Sinnlichkeit, Offenheit und Entwicklung, der Flexibilität und Eigenwilligkeit in unser Kultur und Umwelt." Die Linienführung ist oft nur angedeutet, mit ebenso sicherem wie schnellem Strich. Biegsanikeit, Bewegung, Beherrschung und Kraft strömen aus diesen Bildern, als führe der Maler nicht den Pinsel, sondern das Schwert der Samurai. Kein Zufall: Glass, der sich seit Jahren in der japanischen Verteidigungskunst des Aikido übt, hält mehr von der Kraft der Selbstdisziplin als von Klagen, mehr von Tapferkeit als von Tränendrüsen, mehr von Lösungen als von Larmoyanz. Ganz allgemein - und erst recht in der Kunst. Für Glass ist auch das Malen Erkenntnis, ein Akt, bei dem er aus allen Quellen schöpft. Ohne Seitenblick auf die Vermarktung. Die im übrigen dennoch - oder gerade deswegen? - klappt: Mit etwa 5o Ausstellungen im In- und Ausland während der letzten 14 Jahre, mit vielen Verkäufen an große Firmen und private Sammler ist der Einzelkämpfer inzwischen weit in die Kunst-Welt vorgedrungen. So daß beim Transport seiner Bilder zu hören ist: Vorsicht, ein echter Glass! )
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